Eine gute Antidiskriminierungsarbeit belastet Betroffene nicht, sondern entlastet sie

24. Plenarsitzung der Stadtverordnetenversammlung am 24. Mai 2018

Tagesordnungspunkt 10.2: Respekt zeigen, Betroffene miteinbeziehen!

Stadtverordnetenvorsteher

Stephan Siegler:

Vielen Dank, Herr Stadtrat! Die zweite Wortmeldung ist von der mit anmeldenden Fraktion der LINKEN., Frau Hahn, Sie haben das Wort. Bitte schön!

Stadtverordnete Pearl Hahn, LINKE.:

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher,

meine Damen und Herren!

Ich erkenne die Bemühungen des Präventionsrates an und ich sehe die gute Absicht, die dahintersteckt. Eine Kampagne gegen Diskriminierung und für Respekt ist eine wichtige Bemühung, um Diskriminierung und Privilegien aufzuarbeiten und dadurch abzubauen.

Es ist wichtig, Menschen zu ermutigen eigene Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen. Ich erkenne die Schwierigkeiten, solch eine Kampagne zu konzipieren. Es ist nicht einfach, eine bildliche Kampagne zu machen, wo klar zu erkennen ist, welche Identitäten gemeint sind, und dennoch nicht in Fallen zu geraten. Mit Stereotypen zu arbeiten bedeutet aber auch immer die Reproduktion dieser. Jede Darstellung, jede Äußerung, jede Handlung stabilisiert oder destabilisiert herrschende Verhältnisse. Ziel der Kampagne sollte auch sein, vorhandene Muster und Stereotype von marginalisierten Gruppen zu destabilisieren und ein Gegenmuster anzubieten. Durch das Anbieten einer alternativen Darstellung kann Mensch hervorragend Personen zum Nachdenken animieren und Diskriminierung dadurch demaskieren. Deswegen fordern marginalisierte Gruppen auf der ganzen Welt eine vielfältige Darstellung ihrer Identitäten.

Ich würde heute gerne ein paar problematische Punkte der Kampagne benennen. Erstens wurden wir im Ausschuss für Recht, Verwaltung und Sicherheit informiert, dass keine Organisation, Individuen, die eine Expertise zum Thema Antidiskriminierung aufweisen, oder Betroffene zur Beratung hinzugezogen wurden. Experten, seien es Betroffene, Sozialwissenschaftlerinnen oder Aktivistinnen, sollten bei solch einer Kampagne die erste Anlaufstelle sein, und zwar definitiv vor der Veröffentlichung.

(Beifall)

Damit hätte sich der Präventionsrat abgesichert, womöglich Verbesserungsvorschläge erhalten können und im Vorfeld ein Netzwerk von Unterstützerinnen für die Kampagne gewonnen. Eine Beteiligung beziehungsweise Teilhabe ist ein Grundstein für Respekt, Gleichberechtigung und natürlich auch für eine gelungene Antidiskriminierungsarbeit. Zweitens sollte die Kampagne Menschen dort abholen, wo sie gerade sind und natürlich zum Nachdenken animieren. Das verstehe ich vollkommen. Dies sollte aber nicht zur Bürde von betroffenen Menschen werden. Betroffene sollten dadurch nicht irritiert oder beleidigt werden, beziehungsweise sich verletzt fühlen. Eine gute Antidiskriminierungsarbeit belastet Betroffene nicht, sondern entlastet sie. Personen, die bereits von Diskriminierung betroffen sind, brauchen keine weiteren Diskriminierungserfahrungen mittels einseitiger Darstellungen ihrer Identitäten.

Herr Frank, Sie haben ĂĽber Interpretation gesprochen. Jede gute Interpretation muss im Kontext der Geschichte betrachtet werden und in der jetzigen sozialen Begebenheit. Und ja, manche Plakate sind besser als andere, manche sind auch relativ gut gelungen. Aus dieser Perspektive will ich auf jeden Fall die inhaltlichen Punkte heraussuchen, die ich sehr problematisch finde.

Die einzige Person in der Kampagne, die bekleidet ist, ist der Polizist oder Matrose, das ist Definitionssache. Wieso haben die anderen keine Klamotten an, das verstehe ich einfach nicht. Die dargestellte kopftuchtragende Frau trägt also auch keine Klamotten. Ich kann mir vorstellen, dass Kopftuchträgerinnen dies unangemessen finden. In Betracht der Tatsache, dass Frauen in dieser Gesellschaft oft hypersexualisiert und zu oft über deren Körper definiert werden, wäre es sinnvoll gewesen, die dargestellte blonde Frau auch zu bekleiden. Wir haben doch genügend Bilder von halb nackten Frauen in den Medien. In einer solchen Kampagne ist das unangebracht.

(Beifall)

Wer feministische Diskurse verfolgt, kennt die Kritik, welche Frauen als schützenswert erklärt werden und welche nicht. Da müsste Mensch sich überlegen, weshalb eine blonde Frau mit rotem Lippenstift dargestellt wurde. Die abgebildete blonde Frau und der dazugehörige Text sollten körperliche Übergriffe thematisieren. Die Argumentation gegen körperliche Übergriffe auf Frauen wird durch die Verwandtschaft der Frau zum Mann kontextualisiert. Also, die Argumentationsbasis wird durch die Betroffenheit von Männern definiert und nicht einfach nur, weil Frauen Individuen sind und Respekt benötigen, das finde ich höchst problematisch.

(Beifall)

Nicht vergessen werden darf, dass der Spruch „Deine Schwester wĂĽrdest du doch auch nicht angrapschen, oder?“ eine, wie soll ich sagen, ekelhafte Anspielung ist. Wer möchte die eigene Schwester angrapschen? Die Abbildung vom schwulen Mann hätte auch besser gewählt werden können. Es suggeriert, dass schwul sein äuĂźerlich erkennbar ist und vor allem, dass alle schwulen Männer wie Freddie Mercury aussehen.

(Beifall, Heiterkeit)

Ich finde, Freddie Mercury war genial, versteht mich nicht falsch, aber so sehen meine schwulen Freunde leider oder vielleicht glĂĽcklicherweise nicht aus.

(Heiterkeit)

Das Einzige, was fehlt, um das Klischee zu perfektionieren, ist ein Lederanzug. Also, ich finde das nicht in Ordnung. Schwule Männer haben die meiste Sichtbarkeit von allen innerhalb der queren Community. Lesbische Sichtbarkeit ist im Vergleich wenig vorhanden. Lesbisch sein wird vielen Frauen auch heute noch abgesprochen. Transsexualität und Intersexualität erhalten noch weniger Sichtbarkeit.

(Beifall)

Auch wenn es wichtig ist, Homosexuellenfeindlichkeit gegen schwule Männer anzusprechen, wäre es vielleicht auch sinnvoll gewesen, die anderen in den Fokus zu nehmen. Das Plakat mit dem schwarzen Mann hat einen tollen Satz, der mich sehr berĂĽhrt hat. Da steht: „Ganz egal, welche Farbe deine Haut hat: Welche Farbe hat dein Herz?“ Das Problem ist aber die rosafarbene Sonnenbrille. Diese Sonnenbrille bedient sich dem Stereotyp vom coolen schwarzen Mann, der infantil und unseriös wirkt. Ich sehe keinen Grund, diese Sonnenbrille beizubehalten. Sinnvoller wäre eine Lesebrille, wie wäre es damit, oder gar keine Brille.

(Beifall)

Die Darstellung des schwarzen Mannes ist so klischeehaft, dass das Einzige was fehlt, um das Klischee wieder einmal zu perfektionieren, ein Joint im Mund ist.

(Heiterkeit)

Die Darstellung von Menschen mit Behinderung hat einen Spruch, der mich an die NS-Zeit erinnert. Das wirkt unangemessen fĂĽr solch eine Kampagne, das Thema ist dafĂĽr einfach viel zu sensibel. Viele wissen gar nicht, wo der Spruch „Wo haben sie den rausgelassen?“ ĂĽberhaupt herkommt. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Spruch fĂĽr Betroffene sehr verletzend sein kann. Es suggeriert nämlich, dass Menschen mit körperlicher Behinderung sich nicht im öffentlichen Raum aufhalten sollen. Sie wissen, dass in der NS-Zeit durch das Gedankengut der Eugenik gravierende Sachen passiert sind, und ich denke, das sollte man nicht leichtnehmen. Mir wäre zum Beispiel ein Text mit einem positiven Bild, das darstellt, wie Teilhabe heute aussehen kann und aussehen soll, lieber.

Wie ich anfangs erwähnt habe, die Kampagne ist wichtig und ich bin dankbar für die Bemühungen des Präventionsrates. Im Großen und Ganzen ist es aber definitiv ungelungen und sollte überarbeitet werden. Herr Frank, ich verstehe Ihre Kritik, aber eine Werbeagentur wie Opak, die in der Vergangenheit vielleicht hervorragende Arbeit geleistet hat, kann heute kritisiert werden, wenn sie dieses Mal falsch liegt, und das müssen wir auch tun.

(Beifall)

Gespräche mit Organisationen, Sozialwissenschaftlerinnen, Expertinnen, Betroffenen und Aktivistinnen wären meiner Meinung nach sinnvoll für einen respektvollen Umgang und Teilhabe gewesen. Ich hoffe, dass in Zukunft darauf geachtet wird.

(Beifall)

Hier können Sie die Rede als PDF-Datei herunterladen.

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