Wir arbeiten an einem neuen Modell, das die Gesellschaft etwas besser macht

14. Plenarsitzung der Stadtverordnetenversammlung am 1. Juni 2017

Tagesordnungspunkt 5: Entwurf des Haushalts 2017 mit Finanzplanung und eingearbeitetem Investitionsprogramm 2017 ‚Äď 2020

Stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin

Erika Pfreundschuh:

Vielen Dank, Herr Dr. Rahn! Das Wort hat Frau Pauli von der LINKE.-Fraktion, danach Frau Rinn von der FDP-Fraktion. Bitte schön, Frau Pauli!

Stadtverordnete Dominike Pauli, LINKE.:

Sehr geehrte Frau Vorsteherin,

sehr geehrte Damen und Herren!

Bevor ich mit meiner eigentlichen Rede anfange, w√ľrde ich gerne auf ein paar Punkte meiner Vorredner eingehen. Herr zu L√∂wenstein, Sie sind erfreulicherweise noch im Raum. Wenn Sie sagen, DIE LINKE zielt auf dieselben W√§hler wie die AfD, dann finde ich das ein bisschen kurzsichtig formuliert. Dann m√ľssten wir erst an Ihnen vorbeikommen. Wenn ich mir anschaue, wer allein aus der Frankfurter CDU mittlerweile bei der AfD ist und dann noch nicht einmal in einer ungeordneten, sondern in einer ziemlich hohen Position: Das sind zum Beispiel Herr Glaser, hier einmal K√§mmerer gewesen, Herr Hemzal, hier auch Dezernent gewesen, Frau Steinbach, auch einmal wichtig gewesen und hessenweit, nicht weit von Frankfurt weg, Herr Gauland, war einmal ganz wichtig gewesen und noch viele andere mehr. Die AfD, Herr zu L√∂wenstein, ist Fleisch ist von Ihrem Fleisch. Das ist Ihr Problem, nicht unseres.

(Beifall)

Wir w√ľrden einem Modell hinterhertr√§umen. Herr zu L√∂wenstein, wir tr√§umen keinem Modell hinterher, schon gar keinem gescheiterten oder implodierten Modell. Wir arbeiten an einem neuen Modell, von dem wir hoffen, dass es zukunftsweisend ist und die Gesellschaft etwas besser macht.

(Zurufe)

Meine Vergangenheit ist nicht ganz so dramatisch, wie die der SED, aber meine ist peinlicher. Ich war einmal Mitglied in der CDU.

(Zurufe, Beifall, Heiterkeit)

Ein letztes Wort an Sie gerichtet, Herr zu L√∂wenstein, weil Sie sagen, die LINKEN machen immer nur Vorschl√§ge wof√ľr sie Geld ausgeben k√∂nnten und keine Finanzierungsvorschl√§ge. H√§tten Sie unsere Antr√§ge nicht nur gez√§hlt, sondern auch gelesen, h√§tten Sie gesehen, dass wir sehr wohl Finanzierungsvorschl√§ge machen. Die Gewerbesteuer brauche ich Ihnen nicht zu nennen, das kennen Sie seit Jahren. Aber auch seit Jahren ist es unsere Forderung, dass die Stadt Frankfurt kommunale Steuerpr√ľfer einstellen soll. Das wurde letztens im Haupt- und Finanzausschuss von Herrn Becker mit dem Argument abgelehnt, dass man in Frankfurt mit dem Prozedere, wie es sei, sehr zufrieden ist. Wenn ich dann h√∂re, dass viele Unternehmen sagen, dass sie in Frankfurt weniger kontrolliert w√ľrden, als Kollegen in anderen St√§dten, dann gibt mir das zu denken. Wenn ich dann aus K√∂ln h√∂re, dass die dortigen kommunalen Steuerpr√ľfer ein Vielfaches ihres eigenen Gehaltes eingespielt haben, dann gibt mir das sehr viel mehr zu denken, warum Sie das in Frankfurt nicht machen wollen.

(Beifall)

Dann wollte ich jetzt eigentlich noch auf ein paar Punkte von Frau Busch eingehen, da sie aber im Moment nicht im Raum ist, lasse ich das und warte, bis sie wiederkommt und fange mit dem an, was ich eigentlich sagen wollte, n√§mlich mit den Arbeitspl√§tzen bei der Stadt Frankfurt. Die Haushaltsdebatte ist immer eine sch√∂ne Gelegenheit, ein bisschen grunds√§tzlicher zu werden, und genau das mache ich jetzt auch. Wenn Sie unsere Etatantr√§ge gelesen h√§tten, h√§tten Sie auch den Vorschlag gefunden, ein Investitionsprogramm aufzulegen, um die Infrastruktur dieser Stadt in Ordnung zu bringen. Das h√§tten wir gemacht, h√§tten wir – erschrecken Sie nicht, Herr zu L√∂wenstein – die Wahl gewonnen, und k√∂nnten damit deutlichere Akzente in dieser Stadtpolitik setzen. Wir w√ľrden also dieses Investitionsprogramm auflegen, um einmal die Infrastruktur in Ordnung zu bringen. Das sind n√§mlich, meine Damen und Herren von Schwarz und Gr√ľn, ich habe es Ihnen schon √∂fter gesagt, Stra√üen, Br√ľcken und Schulgeb√§ude. Diese sind Eigentum der B√ľrgerinnen und B√ľrger. Sie haben sie √ľber Jahre verrotten lassen, weil Sie alles kaputtgespart haben. Ein Investitionsprogramm zum jetzigen Zeitpunkt w√§re daf√ľr gut geeignet. Die Zinsen sind niedrig und man k√∂nnte so zahlreiche tarifgebundene Arbeitspl√§tze, vor allem Blaumannarbeitspl√§tze schaffen. F√ľr Langzeitarbeitslose, von denen wir auch in Frankfurt immer noch viel zu viele haben, k√∂nnten wir eine Perspektive bieten.

Wir haben auch die Forderung, die geh√∂rt auch dazu, Arbeitspl√§tze zu schaffen. Diese Forderung wird von Repr√§sentanten der IHK geteilt, n√§mlich endlich einen Runden Tisch f√ľr den Industriepark Griesheim einzurichten. Der Antrag liegt Ihnen seit Anfang des Jahres vor. Die Dreierkoalition hat anscheinend bei einem Antrag, der aus drei S√§tzen besteht und der inhaltlich genau das Gleiche ist, was die IHK Frankfurt fordert, Probleme, diesen abzustimmen. Da wir im letzten Versandpaket gefunden haben, dass Sie wieder per copy and paste drei gute Ideen von uns aufgegriffen haben, w√§re es mir recht, Sie lehnen ihn ab und machen es auch damit, Hauptsache der Runde Tisch kommt. Denn auch in Griesheim geht es um Blaumannarbeitspl√§tze, bestehende zu sichern und neue zu schaffen. Das sollte auch Ihr Anliegen sein. Deshalb ist auch der Runde Tisch notwendig.

Vielleicht forciert es das einmal ein bisschen, denn wenn man sich Ihren Koalitionsvertrag anschaut, findet man die Passage: ‚Äě‚Ķ muss Stadtentwicklung weiter gute Arbeitspl√§tze erm√∂glichen und deswegen den Weiterbestand und die Aktivierung und Entwicklung von Gewerbe erm√∂glichen, gerade auch f√ľr industrielle Nutzungen…“ Da allgemein ein Trend zur R√ľckverlagerung von Arbeitspl√§tzen zu verzeichnen ist, w√§re jetzt daf√ľr die Zeit gerade richtig, darin zu investieren, nicht nur mit viel Mitteln, sondern auch mit dem Know-How in Form eines Runden Tischs. Zu dieser Entwicklung sagt Herr Dr. Markus Beukenberg, Technikvorstand des Pumpenherstellers Wilo, das ist ein Konzern mit immerhin 1,3 Milliarden Euro Umsatz j√§hrlich und 7.500 Besch√§ftigten, dass man heute nicht mehr in Niedriglohnl√§ndern produzieren muss, um Kunden in Hochlohnl√§ndern zu beliefern.

Die VDI-Studie mit dem Titel ‚ÄěDigitalisierung bringt die Produktion zur√ľck nach Deutschland“ vom 24.04.2017 zur Hannover Messe f√ľhrt auf, dass die Digitalisierung der Industrie den Standort Deutschland st√§rke und dass eine R√ľckverlagerung zu beobachten sei, mithin eine Gegenbewegung zur Verlagerung von Arbeitspl√§tzen. Die R√ľckverlagerungsquote ist seit 2009 um 23 Prozent gestiegen. Es w√§re also h√∂chste Zeit, dass sich der Wirtschaftsdezernent dieser Stadt darum k√ľmmert, dass er diese Tendenz aufnimmt und sich auch um diese Art von Arbeitspl√§tzen k√ľmmert, nicht nur um die Anwerbung von Londoner Bankern. Aber, Herr Frank, es kann sein, dass Sie vielleicht im Moment nicht so viel Zeit daf√ľr haben, da Sie sich wegen der Stundungen f√ľr den FSV herauswinden m√ľssen. Unter anderem, wie Sie es letztens getan haben, mit dem Hinweis, dass die Schulden in √ľbersteigender H√∂he von Anlagenverm√∂gen gedeckt seien.

(Zurufe)

Sie haben es freudig aufgenommen und haben gesagt, dass die Schulden gedeckt sind. Ich hoffe jetzt, dass mit Anlagevermögen ein bisschen mehr gemeint ist, als die Sitze im Stadion, die Wasserhähne und Dinge dieser Art. Da bin ich schon einmal gespannt, ob es nur das ist.

(Zurufe)

Dann bin ich gespannt, wie sich dieses Anlagevermögen zu guter Letzt auswirkt. Wir haben Ihnen eine Reihe Fragen zum FSV gestellt. Sie haben bisher noch keine sehr gute Figur gemacht. Ich kann nur hoffen, dass die Fragen ordentlich beantwortet werden, sonst droht der nächste Akteneinsichtsausschuss.

Beim FSV f√§llt mir noch die EZB ein. Noch einmal zu Herrn Frank, Sie wurden sinngem√§√ü in der Presse zitiert, dass die beiden zu Frankfurt geh√∂ren. Interessanterweise protestieren unter dem Motto f√ľr ein demokratisches und solidarisches Europa, auch in den EU-Institutionen, in der n√§chsten Woche der DGB, Ver.di, IG-Bau, IG BCE, IG-Metall, NGG und sogar die Polizeigewerkschaft gegen die Leiharbeitsverh√§ltnisse und das enorme Outsourcen bei der EZB. Unser Oberb√ľrgermeister Feldmann redet auf dieser Kundgebung neben Philipp Jacks vom DGB und Fabio De Masi von den LINKEN und anderen gegen die Arbeitsverh√§ltnisse einer Institution, die der Wirtschaftsdezernent so hoch h√§lt und lobt. Das muss manchmal schon schr√§g sein, in dieser Koalition.

(Beifall)

Ich komme zum n√§chsten inhaltlichen Punkt ‚ÄěWohnen“. Was machen Sie da von Schwarz-Rot-Gr√ľn? Sie machen Trippelschritte und verkaufen sie als Gro√ütaten. Nat√ľrlich ist der Mietenstopp bei der ABG ein richtiger Schritt. Das will ich gar nicht abstreiten. Das ist auch nicht zuletzt der au√üerparlamentarischen Kampagne der ABG zu verdanken und nat√ľrlich auch, dass auf dem Areal der Deutschen Bank jetzt doch gef√∂rderte Wohnungen entstehen. Das muss man einmal positiv bemerken.

Aber an vielen anderen Stellen der Stadt sieht es ganz anders aus. Exemplarisch m√∂chte ich die R√∂merbergbebauung nennen. Leider war da zwischen all dem Disneyland-Feeling kein Platz f√ľr Sozialwohnungen. Gebaut wird viel in dieser Stadt, aber √ľberwiegend Wohnraum f√ľr gut betuchte Klientel, unter anderem f√ľr Studentinnen und Studenten, die f√ľr 18 Quadratmeter √ľber 500 Euro ausgeben k√∂nnen. Das k√∂nnen aber nicht viele. Auch die immer weiter steigenden Mieten bei anderen Wohnungen k√∂nnen sich wenige Menschen leisten.

Sozialwohnungen werden nach wie vor nicht genug gebaut. Es fallen immer mehr Wohnungen aus der Sozialbindung. In den nächsten Jahren werden das Tausende sein. Deshalb haben wir mit der Vorlage E 139 den Antrag gestellt, dass die Vergabe von Wohnungsbaufördermitteln an eine unbefristete Mietpreisbindung gekoppelt ist. Mit der Vorlage E 172 haben wir der ABG konkret angetragen, im Jahr 2017 mit der Planung von 2.500 Sozialwohnungen nach dem ersten Förderweg und ohne Laufzeit zu beginnen. Das sind zwei Impulse, mit denen die Stadt zur treibenden Kraft im Wohnungsbau werden könnte. Man könnte es dann auch die Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit in diesem Bereich bezeichnen. Eine Handlungsfähigkeit, die die öffentliche Hand in den letzten Jahrzehnten so leichtfertig an private Investoren abgegeben hat.

Noch einen weiteren Impuls m√∂chte ich Ihnen ans Herz legen. Schauen Sie einmal nach Graz. Teile unserer Fraktion waren dort bei einem fachlichen Besuch und haben sich die kommunalen Wohnungen angeschaut. Dort zahlen die Mieterinnen und Mieter st√§dtischer Sozialwohnungen f√ľr das Wohnen maximal 30 Prozent ihres Haushaltsnettoeinkommens. Das ist ein Ziel, auf das wir auch hinarbeiten sollten.

(Beifall)

Noch ein bisschen zur Stadtentwicklung. Dass die auch regional bedacht werden muss, wird mittlerweile breit diskutiert. Aber leider gibt es dabei keine wirklichen Fortschritte zu verzeichnen. Das von Frau Roth gef√∂rderte Misstrauen der Region gegen√ľber der Stadt Frankfurt l√§sst sich nicht dadurch abbauen, dass sich der Oberb√ľrgermeister ab und zu einmal mit anderen SPD-Oberb√ľrgermeistern trifft. Hierbei muss mehr folgen, sonst bleibt es bei diesen propagandistischen und √∂ffentlichkeitswirksamen Auftritten. Wir LINKE fordern eine solidarische Stadtentwicklung, die seitens der Stadt Frankfurt auch die Interessen der Nachbarn beinhalten muss. Wenn ich bedenke, dass es in Offenbach kein einziges st√§dtisches Schwimmbad mehr gibt. Offenbach, wie Sie wissen, ist eine Stadt unter dem Schutzschirm des Landes Hessen. Die Schulkinder in Offenbach k√∂nnen ihren Schwimmunterricht nicht in ausreichendem Umfang erhalten. Da w√§re es vielleicht einmal eine Anregung an die reiche Stadt Frankfurt, im Zuge der solidarischen Stadtentwicklung dar√ľber nachzudenken, wenn das neue Schwimmbad an der Eissporthalle gebaut wird, ob man dabei nicht mit den Offenbachern irgendwie zusammenkommen k√∂nnte. Das f√§nde ich sehr sinnvoll. Das w√§re ein gutes Zeichen.

Dann haben Sie, meine Damen und Herren von der Koalition, die Pr√ľfung der erm√§√üigten Einzelfahrscheine f√ľr Inhaber des Frankfurt-Passes in die Antr√§ge geschrieben. Wir finden das prima. Wir hatten das vor Jahren schon einmal thematisiert. Sie haben das damals nicht aufgenommen, aber jetzt. Das finde ich gut, wenn es auch insgesamt nicht der gro√üe Wurf ist, den man in diesem Zusammenhang sowieso nicht erkennen kann. Ich finde bei uns LINKEN schon, denn wir fordern mit dem Etatantrag E 156 zum wiederholten Male eine Machbarkeitsstudie zur langfristigen Einf√ľhrung des Nulltarifs. Aber Sie k√∂nnen sich leider nicht einmal zu einer Pr√ľfung von so etwas durchringen, obwohl, jetzt einmal an die GR√úNEN gerichtet, Ihre Parteimitglieder in anderen St√§dten das sehr wohl gemacht haben.

Ein weiteres Thema ist die Bildung. Da ist der Magistrat erst einmal damit besch√§ftigt, die Tr√ľmmer von 20 Jahren inkompetenter gr√ľner Bildungspolitik, mitgetragen von der CDU, abzuarbeiten. Das kann aber f√ľr die n√§chsten Jahre nicht alles sein. Was zum Beispiel sein k√∂nnte, k√∂nnen Sie im Etatantrag E 189 nachlesen, in dem wir fordern, dass der st√§dtische Zuschuss es der VHS erm√∂glichen muss, zum Beispiel wirtschaftlich Benachteiligten den Zugang zur Bildung kosteng√ľnstig oder sogar kostenfrei anzubieten sowie nat√ľrlich auch das Personal ordentlich zu bezahlen.

(Beifall)

Unserer Einsch√§tzung nach ist die VHS das kommunale Bildungsinstrument schlechthin und sollte deshalb sehr viel mehr im Fokus st√§dtischer Bildungspolitik stehen. Mehr im Fokus sollte auch die kostenloste Kinderbetreuung sein. Denn unserer Ansicht nach muss Bildung von Anfang an und f√ľr alle kostenfrei zug√§nglich sein.

St√§dtisches Personal: Selbstverst√§ndlich teilen wir die Position des Gesamtpersonalrats der Stadt, was die Anzahl der notwendigen neuen Stellen von √ľber 1.000 anbelangt. Laut Personaldezernat sind in den letzten Jahren mehr als diese 1.000 Stellen real weggefallen und die circa 577 Stellenneuschaffungen in diesem Haushalt kompensieren nicht einmal das. Zumal auch etliche der neuen Stellen mit dem kw-Vermerk, kann wegfallen, versehen sind. Da helfen dann auch die vielen Planungsmittel, zum Beispiel im Bereich Bildung, nichts, denn mit immer noch zu wenig Personal in den anderen zust√§ndigen √Ąmtern, kann das auf die Dauer einfach nichts werden. Das zeigt, dass Sie immer noch nicht realisiert haben, dass die Stadt Frankfurt dauerhaft Expertise und ausreichend Personal braucht, um alle Aufgaben einer wachsenden Kommune wirklich zu erledigen.

Jetzt zu einem Punkt, der durch einen Zeitungsartikel noch ganz aktuell dazugekommen ist, n√§mlich der Status der Ortsbeir√§te in Frankfurt. Wenn ich mir die Etatanregungen und die Votierungen der Koalition anschaue, muss ich feststellen, dass das Ansehen der Ortsbeir√§te bei Ihnen allen nicht sehr hoch ist. Von 136 Anregungen wurden nur drei angenommen, die anderen an die Verwaltung verwiesen, also ein Begr√§bnis erster Klasse. Dabei wissen Sie alle, dass die Ortsbeir√§te sehr viel dichter am realen Geschehen sind, als viele Mitglieder des Magistrats. Sie kennen ihre Bezirke bestens und wissen, was n√∂tig ist und was nicht. Im Unterschied zum R√∂mer erarbeiten die Ortsbeir√§te oft fraktions√ľbergreifend gute Vorschl√§ge zur Verbesserung vor Ort. Meist nach intensiven Gespr√§chen mit B√ľrgern und nach Ortsterminen. Dies alles geschieht oft nach Feierabend und ehrenamtlich. Wie gehen Sie, meine Damen und Herren von der CDU und der SPD und den GR√úNEN, mit dieser ehrenamtlichen Arbeit um? Ich m√∂chte nicht hoffen, dass es derart ist, was Frau Busch vorhin damit meinte, als sie sagte, man k√∂nne in dieser Koalition die sozialdemokratische Handschrift erkennen.

(Beifall)

Ihre Votierung mit vereinfachtem Verfahren ist einfach nur arrogant und nicht wertsch√§tzend. Motivation f√ľr ehrenamtliche Bet√§tigung in der Kommune geht so nicht. Sie ist aber wichtiger denn je, vor allem auch dann, wenn nicht zuletzt die weitere Segregation der Stadt in privilegierte und nicht privilegierte Teile durch die St√§rkung der Stadtteile und Quartiere verhindert werden soll. Dazu leisten die Ortsbeir√§te einen wichtigen Beitrag, den Sie, meine Damen und Herren von CDU, SPD und GR√úNEN, gerade abgewunken haben.

Herr zu L√∂wenstein, Sie haben gesagt, die Antr√§ge w√ľrden aufgenommen und mitbedacht. Das ist sehr von oben herab. In der S√ľddeutschen Zeitung von heute finden Sie einen interessanten Artikel mit der √úberschrift ‚ÄěDemokratie und Gl√ľck“ von Joachim K√§ppner. Er schreibt dort sehr richtig: ‚ÄěIn den St√§dten erlebt der B√ľrger Demokratie unmittelbar. Dort kann er sehr unzufrieden reagieren, wenn sich die Folgen der `oben¬ī betriebenen Politik bei ihm unten als Belastung zeigen, sei es in schlechten Schulen, maroden Stra√üen oder eben in Stadtvierteln, in die er sich nicht mehr hineintraut“. Wenn dann die Ortsbeir√§te, die f√ľr die B√ľrgerinnen und B√ľrger vor Ort die Ansprechpartner f√ľr die Bek√§mpfung dieser Belastungen sind, so von Ihnen abgefertigt werden, m√ľssen Sie sich nicht wundern, wenn die Verh√§ltnisse in den kleinen Quartieren oft auch schlechter werden und sich vor allem immer weniger Menschen finden, die noch kommunalpolitisch arbeiten wollen.

Nachdem ich mir Ihre und unsere Sachen angesehen habe, lautet mein Fazit: Sie huldigen nach wie vor dem Fetisch der schwarzen Null, und Sie kommen Ihren selbsterkl√§rten Zielen, wie zum Beispiel dem Klimaschutz oder der Barrierefreiheit, kaum hinterher. In Ihren Etatantr√§gen ist viel davon zu lesen, dass zun√§chst einmal eine Kommission gebildet werden soll, Studien in Auftrag gegeben und gepr√ľft werden sollen. Der Rest ist ein Kessel Buntes. Es sind gute Sachen dabei, wie das zus√§tzliche Geld f√ľr den F√∂rderverein Roma e. V., Switchboard, mehr B√§nke im √∂ffentlichen Raum und auch der ‚ÄěRunde Tisch Wanderarbeiter“, der vorhin erw√§hnt wurde. Das finde ich prima. Es gibt f√ľr jeden ein bisschen: Einen City Tree auf Probe – als Alibi, weil man ernsthafte Anstrengungen gegen die Erw√§rmung nicht vornehmen will -, ein paar Ausschilderungen von Radwegen mehr, ein paar Zusch√ľsse hier und da.

Ich muss feststellen, auch wenn die SPD dabei ist, geht es nicht grunds√§tzlich und wesentlich anders als bei Schwarz-Gr√ľn zu. Zu einem Politikwechsel fehlt Ihnen Wille und Mut, und so geht leider die Spaltung in unserer Stadt weiter. Familien fehlen Hortpl√§tze, Bus und Bahn sind nichts f√ľr Arme, Arbeitspl√§tze f√ľr B√§nker, f√ľr Blaum√§nner passiert wenig, kommunale Gesundheitsversorgung schiebt die Stadt auf andere ab, Infrastruktur verlottert weiter, f√ľr kleine H√§ndler gibt es Schikanen anstelle von F√∂rderungen, wie sie Konzerne erhalten – das hat man vorhin schon einmal angesprochen, kleine H√§ndler d√ľrfen nicht mehr ausschildern wie bisher -, und die Schulen bleiben weiter marode, weil die Stadt nicht genug Personal einstellt. Ruhen Sie sich nicht wieder auf Ihrem hohen Sozialetat aus. √úber 90 Prozent davon sind Pflichtausgaben.

Zum Schluss m√∂chte ich gerne noch ein Zitat anbringen. Es ist von der Sprache her vielleicht nicht so ganz passend, ein wenig zu dramatisch, aber ich finde es trotzdem gut: ‚Äě… alle Verh√§ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver√§chtliches Wesen ist“. Dieses Zitat entstammt der Einleitung ‚ÄěZur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ von Karl Marx. Ich habe es heute mitgebracht, weil ich es ganz woanders gefunden habe, n√§mlich als zustimmendes Zitat bei Ernst Bloch im dritten Band seines Werkes ‚ÄěDas Prinzip Hoffnung“. Bloch greift es auf. Es ist offensichtlich kein alter Hut. Und das ist auch das, wof√ľr DIE LINKE in dieser Stadt steht, und damit in Opposition zu dieser Koalition.

Vielen Dank!

(Beifall)

Hier können Sie die Rede als PDF-Datei herunterladen.

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